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Musoma 19
Musoma 19

Diese Seite - Musoma (ein Ort in Tanzania) -  ist Maike Ettling gewidmet. Maike ist SchĂĽlerin an unserem Gymnasium in Bremervörde gewesen und arbeitet seit vielen Jahren in Afrika.

Rundbrief Nr. 19

Liebe Rundbriefempfaenger sozusagen...
Viele Gruesse aus Musoma und im Anhang (bzw im folgenden, falls sich der Anhang der Oeffnung verweigert...) mein Rundbrief..:


KARIBUNI & HERZLICH WILLKOMMEN - RUNDBRIEF JUNI 2007

„Es gibt Tage, da gibt man sich dem Unvermeidlichem hin, ohne gross
nachzudenken. Da tut man
das jeweils Noetige, ohne das Leid so nah an sich heranzulassen, dass es
einen verwundet. Tage der
Effizienz – oder der Resignation, oder schlicht der Ueberlebenstaktik –
und es gibt Tage der Wehr-
losigkeit, an denen ueberflutet mich das Leid, greift nach meinem
Herzen, bricht ueber mich herein“
–
ein Zitat von Ruth Pfau, die unter Leprakranken und sonstigen
Kranken-Massen in Afghanistan gearbeitet
hat – und Berge von Leid erlebt hat. Ich las dieses Zitat und konnte
mich (auch wenn ihre Erfahrungen um ein vielfaches extremer waren …)
grad sehr gut damit identifizieren – weil es so was wie
Leid-Ueberflutung in den letzten Wochen gab:
Da war der Motorradunfall von Malamsha, einem unserer Mitarbeiter –
Armbruch – bzw ein Knochen gebrochen der andere „stand quer“ – totale
Schmerzen – ich war netterweise grad in Musoma und konnte ihn nach Anruf
vom Unfallort ins Krankenhaus bringen. Im Krankenhaus beginnt die
Krankenhaus-Agenda: Hin und hergeschickt-werden, an jeder Stelle Geld
bezahlen, Roentgenarzt nicht da, fahr ihn abholen – und um 20 Uhr (!) –
nachdem der Unfall um 15 Uhr war – ist Malamsha immerhin mal geroentgt –
Weiteres: am naechsten Tag – weil kein Arzt da ist. Und somit
uebernachtet Malamsha im Krankenhaus - unbehandelt – mit weiterhin
totalen Schmerzen trotz Schmerzmittel, die wir ihm selber besorgen… Am
naechsten Tag um 13 (!) Uhr ist er endlich behandelt mit Gips und
Knocheneinrenkung – ohne Betaeubung…
Neben dem Aspekt des „Leid-mitansehens“ war es allerdings ein
Schluesserlebnis fuer mich zu sehen: Unsere Gesundheitsstationen sind
wichtig – und haben ihren Platz – und die Entscheidung: Es lohnt sich,
fuer sie zu kaempfen trotz aller Schwierigkeiten …
Dann war da Paskalia: 16 Jahre – HIV-positiv – beim ersten Besuch bei
ihr noch ganz gut drauf… dann wurde sie immer schwaecher. Ich holte sie
mehrmals zur Behandlung ab – aber es wurde nicht besser – zumal und vor
allem, weil die Familie sich nicht kuemmerte: weder um Essen noch um
regelmaessige Tabletteneinnahmen noch um Hygiene und sonstiges..
Am Ende starb sie – abgemagert – mit bestimmt 10 Leuten um sie herum,
die auf ihren Tod warteten ohne auch nur irgendetwas an Hilfe zu sein
oder zu geben…
Neben Trauer kommt wieder die Wut: Wenn man sich gekuemmert haette –
wenn man sie angenommen und ermutigt haette, waere sie nicht gestorben…
Dann: der Bruder von einem unserer Mitarbeiter: Jose: 23 Jahre,
verheiratet, 2 Kinder: HIV positiv seit einem Jahr etwa – von Anfang an
jemand, der wenig Hoffnung hatte – in den letzten 3 Wochen zunehmend
kraenker geworden - Bluttransfusionen im Krankenhaus - und im Gespraech
ist Hoffnungslosigkeit gegenwaertig: wofuer Medikamente schlucken und
Natuerliche Medizin nehmen: hat ja alles keinen Sinn… Und nach 2 Wochen
stirbt er tatsaechlich – selbstgewaehlter Tod sozusagen. Ein Schock fuer
die Familie, die die ganze Zeit zu ihm stand - das 3. von 5 Kindern aus
der Familie, das starb – die Mutter Witwe seit 6 Jahren, dieser Sohn
lebte mit ihr und versorgte sie. Mich frustrierte diese selbstgewaehlte
oder vielleicht auch gesellschaftlich produzierte Hoffnungslosigkeit,
die so unbegruendet ist….
Und: Anselim: HIV-Positiv – schon seit Jahren in der Kaza Roho Gruppe -
jemand, den ich sehr schaetze…
Neben seinem HIV-positv-sein hat er Herzprobleme – und lebt von
Tabletten. Letzten Monat wurde es dann schlimmer: kam ins Krankenhaus
hier in Musoma – wo die Hilfe sozusagen gegen null ging. Besuchten ihn
oft – und immer aufs Neue war es frustrierend, an seinem Bett zu stehen,
zu sehen, wie schwer ihm das Atmen faellt, wie im Krankenhaus keine
Moeglichkeit der Hilfe war – und eben ohne was tun zu koennen wieder zu
gehen. Er ging dann nach Hause – aus Mangel an Hilfe im Krankenhaus. Bei
jedem Besuch waren seine Beine mehr angeschwollen und das Atmen noch
schwieriger und die Familie war auch wenig hilfreich – hielt sich fern –
gefuehlsmaessig und auch sonst… Mittlerweile ist er gestorben …
:Hilflosigkeits-Erfahrungen …
Auch dazu ein Zitat von Ruth Pfau – bzw ihre Feststellung. „Die Bibel
sagt: Ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefaengnis und
ihr seid zu mir gekommen… Da steht nicht, wir muessten die Kranken
heilen… - das muessen wir auch nicht… Aber es ist der Beweis zu bringen:
Selbst wenn es keine effizienten Problemloesungen gibt, selbst wenn wir
nichts mehr tun koennen, selbst dann sind wir gefordert…. Auch in der
Hilflosigkeit ist noch Sinn verborgen… Entscheidend ist, dass wir da
sind und das Leid mit Menschen teilen…mitmenschliches Zueinander ist
auch dort noch sinnvoll, wo Hilfe versagt“
. Wie gesagt: Die Ruth Pfau
erlebte ganz andere Extreme als hier in Tanzania – aber trotzdem: auch
an dieses Zitat bzw an diese „Auslegung“ musste ich oft denken in
Ohnmachtserfahrungen in den letzten Wochen ….

Jaa – genug der „Leid & Ohnmachtserfahrungs-Auflistung“… - und ein
bisschen noch aus den Arbeitsbereichen:
Gesundheitsstationen:

In Musoma sind die Patientenzahlen weiterhin recht gut, die neue Aerztin
Anna
lebt sich gut ein, Mitarbeiter sind engagiert. Am 1.Mai
veranstalteten wir zum ersten mal ein Mitarbeiter-Picknick mit Ernennung
des „besten Mitarbeiters des Jahres“ – War sehr nett! Hab alle
Mitarbeiter mit Lob bedacht (was nicht so schwer ist, weil wir e c h t
gute Mitarbeiter haben) und dann den besten Mitarbeiter genannt (was
auch nicht schwer zu entscheiden war: Malonja: sehr engagiert und nach
Weggang von Feleshi fuer den taeglichen Ablauf der Arbeit
verantwortlich..) – bekam Gutschein fuer 5 Wellbleche als Geschenk … Und
seit dem Tag ist doch auch glatt die Arbeitsmoral verbessert – die
Zu-spaet-Kommenden kommen jetzt puenktlich etc – was will man mehr..
Im Mai starb einer unserer Aerzte (Rentner schon, aber seit 2003 half er
uns wegen Aertzemangel)
– in Mwanza, wo er zur Behandlung war. Das
bedeutete Organisation von Leichentransport von Mwanza und dann ins
Dorf, wo er herkommt, Teilnahme an Beerdigung etc. Und er hinterliess
Luecke natuerlich: die jetzt geschlossen wurde durch die Rueckkehr eines
Arztes, der frueher schon mal bei uns war – Jacobo Mabara – und sich
hoffentlich gut und schnell einlebt.
Trotz allem Positiven gibt es auch in Musoma (wie in Bunda, wo es
offensichtlich ist) das Problem bzw. Anzeichen von Geld &
Medikamenten-Klau. Und die Loesung ist schwierig, weil Kontrolle und
Unterbindung von Diebstahl eben viel an Zeit braucht, die wenig da ist
(und zudem fehlt mir u.U. auch die „Phantasie“, auf was fuer Wegen man
als Mitarbeiter an Geld kommen kann). „Trau nie jemandem hundert
Prozent“ sagte mir die neue Aerztin Anna neulich mal - ein weiser Satz,
aber irgendwie find ich´s schwierig, staendig nur im Misstrauen zu leben
– zumal ich die Mitarbeiter schaetze (s.o.) – aber na ja - ich uebe -
und hoffe somit, Wege zu finden, „Geld-Lecks“ aufzudecken bzw dann zu
stopfen. Die finanzielle Situation ist weiterhin schwierig – und
„Geld-Leck“ spielt dabei nur eine Rolle….
Kaza Roho: waechst weiter – besonders die Maennergruppe: Ueber 20 hat es
mittlerweile - bei jedem Treffen sind Neue dabei – mitgebracht von
anderen. Und: Joel Buyanda (von dem ich im letzten RB schrieb – auf dem
Bild rechts im Hintergrund stehend) ist einer von ihnen: Fuehlt sich
sehr wohl in der Gruppe, und auch gesundheitlich geht es ihm viel besser!
Wir sind sehr dankbar, dass durch die Trennung der Gruppe tatsaechlich
mehr Maenner kommen, die normalerweise weniger bereit sind, sich zu
„outen“ bzw sich einer Gruppe anzuschliessen. Wenn uns jetzt noch so´n
richtig „anziehendes“ Projekt einfallen taete, dann waer das noch nett –
sind schliesslich fast alle - dank ARV bzw Natuerlicher Medizin - recht
gut gesundheitsmaessig drauf…

Als Folge der im letzten RB erwaehnten „Dorf-Mobilisation“ war Ende Mai
offizieller Start von Kaza Roho im Dorf Kasuguti. Zu Mwapili, die sich
bei der Dorfveranstaltung als HIV-positiv „zu erkennen gab“, kamen 5
weitere – und derweil wir auch in Musoma und Bunda mit wenigen begonnen
haben und es dann immer mehr wurden, dachten wir, wir wagen den
offiziellen Start – zumal die Gesundheitshelfer sehr engagiert sind.
Somit war offizieller Start mit Regierungsvertretern aus dem Dorf, mit 3
Kaza Roho-Leuten aus Bunda – mitsamt Reden und gemeinsamem Essen und so.
Im Dorf bedeutet „sich als positiv zu erkennen geben“ immer noch viel
mehr als in der Stadt, sich Stigmatisierung und Ausgrenzung hinzugeben –
denn bei ´nem HIV-Positiven kauft man nicht ein, isst man auch nicht…
und auch sonst haelt man sich fern von ihm/ihr. Unsere Hoffnung ist,
dass die Gruppe auch anderen Mut macht, die bisher noch „unerkannt“ mit
ihrem HIV-positiv sein leben, sich offen zu ihrem HIV-Positiv sein zu
stellen, dass sie aber auch dazu hilft, falsche Vorstellungen und
Aengste zu revidieren und somit im Dorf Hilfe sind, einen offenen Umgang
mit Aids zu schaffen.

Zum Schluss: Arzt Feleshi-Kommentar: „Er treibt weiter sein Unwesen“ –
waere ein nicht besonders netter aber zutreffender Kommentar. Sein Ziel
ist weiterhin uns zu zeigen, dass ohne ihn die Arbeit sterben wird – und
er nutzt dazu diverse Wege – was so eine „Gegenwind-Erfahrung“ in der
Arbeit entstehen laesst. Ich bin dankbar fuer die Entscheidung der
Dioezesen-Leitung (bei der die Entscheidung jetzt lag), nach dem Ende
seines unbezahlten Urlaubs Ende Juni das Arbeitsverhaeltnis zu beenden.
Meine Hoffnung ist, dass es konfliktfrei und ohne grosse Forderungen
seinerseits von statten gehen wird, dass er aus Musoma wegzieht – und
dann der besagte Schlussstrich gezogen werden kann.

Jaa - Platzende und auch sonst Ende… - Danke nochmal fuer alles: Post,
Mails, geben, mitdenken und unterstuetzen!! & Viele Gruesse aus schon
wieder regnendem Musoma…


Maike

Adresse: Maike Ettling, HUYAMU, P.O.Box 1390, Musoma, TANZANIA Mail:
maike@juasun.net
Ausgesandt von: Allianz Mission BLZ: 45260475; Kto.Nr: 9110900, Vermerk:
Maike Ettling


Grad noch ein „Spendenaufruf“ am Ende:
Hatte ja schon oefter erwaehnt, dass die Gesundheitsstationen
finanzielle Probleme haben – durch extrem gestiegene Gehaelter, die von
der Regierung festgelegt werden.
Das Problem ist, dass die Einnahmen grad (wenn ueberhaupt) fuer die
Zahlung von Gehaeltern und Medikamenten ausreichen – es aber einige
Anschaffungen im Labor gibt, die noetig sind, um weiterhin die
Genehmigung zu bekommen, zu arbeiten bzw die auch noetig sind, um eine
gute medizinsiche Basis zu haben. Und netterweise hat die Allianz
Mission zugestimmt, diese Anschaffungen zu unterstuetzen. Aber derweil
die AM von Spenden lebt, geb ich mal dieses Anliegen weiter: wir suchen
etwa 1.500 € fuer 2 Hb-Bestimmungs-Geraeten in Musoma und Bunda (zur
Feststellung von Blutarmut, um´s mal un-wissenschaftlich zu sagen… ) und
eine Blutzentrifuge fuer Bunda, die die Untersuchungen beschleunigt.
Ja – und darum also die Einladung zur Unterstuetzung dieser
Anschaffungen…: auf oben genanntes Konto mit Vermerk: Medizinische
Geraete Musoma.
Viele Dank „schon mal“…





 

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