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Liebe Rundbriefempfaenger sozusagen... Viele Gruesse aus Musoma und im Anhang (bzw im folgenden, falls sich der Anhang der Oeffnung verweigert...) mein Rundbrief..:
KARIBUNI & HERZLICH WILLKOMMEN - RUNDBRIEF JUNI 2007
„Es gibt Tage, da gibt man sich dem Unvermeidlichem hin, ohne gross nachzudenken. Da tut man
das jeweils Noetige, ohne das Leid so nah an sich heranzulassen, dass es einen verwundet. Tage der Effizienz – oder der Resignation, oder schlicht der Ueberlebenstaktik – und es gibt Tage der Wehr-
losigkeit, an denen ueberflutet mich das Leid, greift nach meinem Herzen, bricht ueber mich herein“ – ein Zitat von Ruth Pfau, die unter Leprakranken und sonstigen
Kranken-Massen in Afghanistan gearbeitet hat – und Berge von Leid erlebt hat. Ich las dieses Zitat und konnte mich (auch wenn ihre Erfahrungen um ein vielfaches extremer waren …)
grad sehr gut damit identifizieren – weil es so was wie Leid-Ueberflutung in den letzten Wochen gab: Da war der Motorradunfall von Malamsha, einem unserer Mitarbeiter –
Armbruch – bzw ein Knochen gebrochen der andere „stand quer“ – totale Schmerzen – ich war netterweise grad in Musoma und konnte ihn nach Anruf
vom Unfallort ins Krankenhaus bringen. Im Krankenhaus beginnt die Krankenhaus-Agenda: Hin und hergeschickt-werden, an jeder Stelle Geld
bezahlen, Roentgenarzt nicht da, fahr ihn abholen – und um 20 Uhr (!) – nachdem der Unfall um 15 Uhr war – ist Malamsha immerhin mal geroentgt –
Weiteres: am naechsten Tag – weil kein Arzt da ist. Und somit uebernachtet Malamsha im Krankenhaus - unbehandelt – mit weiterhin totalen Schmerzen trotz Schmerzmittel, die wir ihm selber besorgen… Am
naechsten Tag um 13 (!) Uhr ist er endlich behandelt mit Gips und Knocheneinrenkung – ohne Betaeubung… Neben dem Aspekt des „Leid-mitansehens“ war es allerdings ein
Schluesserlebnis fuer mich zu sehen: Unsere Gesundheitsstationen sind wichtig – und haben ihren Platz – und die Entscheidung: Es lohnt sich, fuer sie zu kaempfen trotz aller Schwierigkeiten …
Dann war da Paskalia: 16 Jahre – HIV-positiv – beim ersten Besuch bei ihr noch ganz gut drauf… dann wurde sie immer schwaecher. Ich holte sie
mehrmals zur Behandlung ab – aber es wurde nicht besser – zumal und vor allem, weil die Familie sich nicht kuemmerte: weder um Essen noch um
regelmaessige Tabletteneinnahmen noch um Hygiene und sonstiges.. Am Ende starb sie – abgemagert – mit bestimmt 10 Leuten um sie herum,
die auf ihren Tod warteten ohne auch nur irgendetwas an Hilfe zu sein oder zu geben… Neben Trauer kommt wieder die Wut: Wenn man sich gekuemmert haette –
wenn man sie angenommen und ermutigt haette, waere sie nicht gestorben… Dann: der Bruder von einem unserer Mitarbeiter: Jose: 23 Jahre,
verheiratet, 2 Kinder: HIV positiv seit einem Jahr etwa – von Anfang an jemand, der wenig Hoffnung hatte – in den letzten 3 Wochen zunehmend
kraenker geworden - Bluttransfusionen im Krankenhaus - und im Gespraech ist Hoffnungslosigkeit gegenwaertig: wofuer Medikamente schlucken und
Natuerliche Medizin nehmen: hat ja alles keinen Sinn… Und nach 2 Wochen stirbt er tatsaechlich – selbstgewaehlter Tod sozusagen. Ein Schock fuer
die Familie, die die ganze Zeit zu ihm stand - das 3. von 5 Kindern aus der Familie, das starb – die Mutter Witwe seit 6 Jahren, dieser Sohn
lebte mit ihr und versorgte sie. Mich frustrierte diese selbstgewaehlte oder vielleicht auch gesellschaftlich produzierte Hoffnungslosigkeit, die so unbegruendet ist…. Und: Anselim:
HIV-Positiv – schon seit Jahren in der Kaza Roho Gruppe - jemand, den ich sehr schaetze… Neben seinem HIV-positv-sein hat er Herzprobleme – und lebt von
Tabletten. Letzten Monat wurde es dann schlimmer: kam ins Krankenhaus hier in Musoma – wo die Hilfe sozusagen gegen null ging. Besuchten ihn
oft – und immer aufs Neue war es frustrierend, an seinem Bett zu stehen, zu sehen, wie schwer ihm das Atmen faellt, wie im Krankenhaus keine
Moeglichkeit der Hilfe war – und eben ohne was tun zu koennen wieder zu gehen. Er ging dann nach Hause – aus Mangel an Hilfe im Krankenhaus. Bei
jedem Besuch waren seine Beine mehr angeschwollen und das Atmen noch schwieriger und die Familie war auch wenig hilfreich – hielt sich fern –
gefuehlsmaessig und auch sonst… Mittlerweile ist er gestorben … :Hilflosigkeits-Erfahrungen … Auch dazu ein Zitat von Ruth Pfau – bzw ihre Feststellung. „Die Bibel
sagt: Ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefaengnis und ihr seid zu mir gekommen… Da steht nicht, wir muessten die Kranken
heilen… - das muessen wir auch nicht… Aber es ist der Beweis zu bringen: Selbst wenn es keine effizienten Problemloesungen gibt, selbst wenn wir
nichts mehr tun koennen, selbst dann sind wir gefordert…. Auch in der Hilflosigkeit ist noch Sinn verborgen… Entscheidend ist, dass wir da
sind und das Leid mit Menschen teilen…mitmenschliches Zueinander ist auch dort noch sinnvoll, wo Hilfe versagt“. Wie gesagt: Die Ruth Pfau
erlebte ganz andere Extreme als hier in Tanzania – aber trotzdem: auch an dieses Zitat bzw an diese „Auslegung“ musste ich oft denken in Ohnmachtserfahrungen in den letzten Wochen ….
Jaa – genug der „Leid & Ohnmachtserfahrungs-Auflistung“… - und ein bisschen noch aus den Arbeitsbereichen: Gesundheitsstationen: In Musoma sind die Patientenzahlen weiterhin recht gut,
die neue Aerztin Anna lebt sich gut ein, Mitarbeiter sind engagiert. Am 1.Mai veranstalteten wir zum ersten mal ein Mitarbeiter-Picknick mit Ernennung
des „besten Mitarbeiters des Jahres“ – War sehr nett! Hab alle Mitarbeiter mit Lob bedacht (was nicht so schwer ist, weil wir e c h t
gute Mitarbeiter haben) und dann den besten Mitarbeiter genannt (was auch nicht schwer zu entscheiden war: Malonja: sehr engagiert und nach Weggang von Feleshi fuer den taeglichen Ablauf der Arbeit
verantwortlich..) – bekam Gutschein fuer 5 Wellbleche als Geschenk … Und seit dem Tag ist doch auch glatt die Arbeitsmoral verbessert – die
Zu-spaet-Kommenden kommen jetzt puenktlich etc – was will man mehr.. Im Mai starb einer unserer Aerzte (Rentner schon, aber seit 2003 half er uns wegen Aertzemangel)
– in Mwanza, wo er zur Behandlung war. Das bedeutete Organisation von Leichentransport von Mwanza und dann ins Dorf, wo er herkommt, Teilnahme an Beerdigung etc. Und er hinterliess
Luecke natuerlich: die jetzt geschlossen wurde durch die Rueckkehr eines Arztes, der frueher schon mal bei uns war – Jacobo Mabara – und sich hoffentlich gut und schnell einlebt.
Trotz allem Positiven gibt es auch in Musoma (wie in Bunda, wo es offensichtlich ist) das Problem bzw. Anzeichen von Geld & Medikamenten-Klau. Und die Loesung ist schwierig, weil Kontrolle und
Unterbindung von Diebstahl eben viel an Zeit braucht, die wenig da ist (und zudem fehlt mir u.U. auch die „Phantasie“, auf was fuer Wegen man
als Mitarbeiter an Geld kommen kann). „Trau nie jemandem hundert Prozent“ sagte mir die neue Aerztin Anna neulich mal - ein weiser Satz,
aber irgendwie find ich´s schwierig, staendig nur im Misstrauen zu leben – zumal ich die Mitarbeiter schaetze (s.o.) – aber na ja - ich uebe -
und hoffe somit, Wege zu finden, „Geld-Lecks“ aufzudecken bzw dann zu stopfen. Die finanzielle Situation ist weiterhin schwierig – und „Geld-Leck“ spielt dabei nur eine Rolle….
Kaza Roho: waechst weiter – besonders die Maennergruppe: Ueber 20 hat es mittlerweile - bei jedem Treffen sind Neue dabei – mitgebracht von
anderen. Und: Joel Buyanda (von dem ich im letzten RB schrieb – auf dem Bild rechts im Hintergrund stehend) ist einer von ihnen: Fuehlt sich
sehr wohl in der Gruppe, und auch gesundheitlich geht es ihm viel besser! Wir sind sehr dankbar, dass durch die Trennung der Gruppe tatsaechlich
mehr Maenner kommen, die normalerweise weniger bereit sind, sich zu „outen“ bzw sich einer Gruppe anzuschliessen. Wenn uns jetzt noch so´n
richtig „anziehendes“ Projekt einfallen taete, dann waer das noch nett – sind schliesslich fast alle - dank ARV bzw Natuerlicher Medizin - recht gut gesundheitsmaessig drauf…
Als Folge der im letzten RB erwaehnten „Dorf-Mobilisation“ war Ende Mai offizieller Start von Kaza Roho im Dorf Kasuguti. Zu Mwapili, die sich
bei der Dorfveranstaltung als HIV-positiv „zu erkennen gab“, kamen 5 weitere – und derweil wir auch in Musoma und Bunda mit wenigen begonnen
haben und es dann immer mehr wurden, dachten wir, wir wagen den offiziellen Start – zumal die Gesundheitshelfer sehr engagiert sind. Somit war offizieller Start mit Regierungsvertretern aus dem Dorf, mit 3
Kaza Roho-Leuten aus Bunda – mitsamt Reden und gemeinsamem Essen und so. Im Dorf bedeutet „sich als positiv zu erkennen geben“ immer noch viel
mehr als in der Stadt, sich Stigmatisierung und Ausgrenzung hinzugeben – denn bei ´nem HIV-Positiven kauft man nicht ein, isst man auch nicht…
und auch sonst haelt man sich fern von ihm/ihr. Unsere Hoffnung ist, dass die Gruppe auch anderen Mut macht, die bisher noch „unerkannt“ mit
ihrem HIV-positiv sein leben, sich offen zu ihrem HIV-Positiv sein zu stellen, dass sie aber auch dazu hilft, falsche Vorstellungen und
Aengste zu revidieren und somit im Dorf Hilfe sind, einen offenen Umgang mit Aids zu schaffen.
Zum Schluss: Arzt Feleshi-Kommentar: „Er treibt weiter sein Unwesen“ –
waere ein nicht besonders netter aber zutreffender Kommentar. Sein Ziel ist weiterhin uns zu zeigen, dass ohne ihn die Arbeit sterben wird – und
er nutzt dazu diverse Wege – was so eine „Gegenwind-Erfahrung“ in der Arbeit entstehen laesst. Ich bin dankbar fuer die Entscheidung der
Dioezesen-Leitung (bei der die Entscheidung jetzt lag), nach dem Ende seines unbezahlten Urlaubs Ende Juni das Arbeitsverhaeltnis zu beenden.
Meine Hoffnung ist, dass es konfliktfrei und ohne grosse Forderungen seinerseits von statten gehen wird, dass er aus Musoma wegzieht – und dann der besagte Schlussstrich gezogen werden kann.
Jaa - Platzende und auch sonst Ende… - Danke nochmal fuer alles: Post, Mails, geben, mitdenken und unterstuetzen!! & Viele Gruesse aus schon wieder regnendem Musoma…
Maike
Adresse: Maike Ettling, HUYAMU, P.O.Box 1390, Musoma, TANZANIA Mail: maike@juasun.net Ausgesandt von: Allianz Mission BLZ: 45260475; Kto.Nr: 9110900, Vermerk:
Maike Ettling
Grad noch ein „Spendenaufruf“ am Ende: Hatte ja schon oefter erwaehnt, dass die Gesundheitsstationen finanzielle Probleme haben – durch extrem gestiegene Gehaelter, die von
der Regierung festgelegt werden. Das Problem ist, dass die Einnahmen grad (wenn ueberhaupt) fuer die Zahlung von Gehaeltern und Medikamenten ausreichen – es aber einige
Anschaffungen im Labor gibt, die noetig sind, um weiterhin die Genehmigung zu bekommen, zu arbeiten bzw die auch noetig sind, um eine gute medizinsiche Basis zu haben. Und netterweise hat die Allianz
Mission zugestimmt, diese Anschaffungen zu unterstuetzen. Aber derweil die AM von Spenden lebt, geb ich mal dieses Anliegen weiter: wir suchen
etwa 1.500 € fuer 2 Hb-Bestimmungs-Geraeten in Musoma und Bunda (zur Feststellung von Blutarmut, um´s mal un-wissenschaftlich zu sagen… ) und
eine Blutzentrifuge fuer Bunda, die die Untersuchungen beschleunigt. Ja – und darum also die Einladung zur Unterstuetzung dieser Anschaffungen…: auf oben genanntes Konto mit Vermerk: Medizinische
Geraete Musoma. Viele Dank „schon mal“…
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