|
KARIBUNI & HERZLICH WILLKOMMEN ZUM RUNDBRIEF - Maerz 2007
Mal wieder laeuft die Zeit so schnell, dass mittlerweile schon 3 Monate
seit dem letzten Rundbrief vergangen sind… Es war mal wieder ziemlich viel drin im Leben – und ein bisschen was von dem also im Folgendem:
Gesundheitsstationen:
Positives gibt es zu berichten: eine neue Aerztin in Musoma, die sehr kompetent ist und meine Hoffnung für „Leiterin“ ist, sehr engagierte Mitarbeiter, die jetzt abwechselnd bis 18 Uhr arbeiten und
Patientenzahl-Erhoehung auf 70-80 Patienten am Tag.
Trotz all dem Positivem ist aber die finanzielle Situation weiterhin schwierig.
Neulich, bei einem vom Gesundheitsministerium organisiertem Seminar, stand ein Teilnehmer auf und sagte: „Wir als Kirchen schaffen es nicht
mehr, medizinische Dienste anzubieten.“ Fuer mich war dieser Satz sozusagen „Augenoeffner“: Hatte bisher gedacht, unsere Finanznoete wären
erstens nur voruebergehend und zweitens vielleicht begruendet in meiner „Unfaehigkeit“ oder dem Weggang von Feleshi. Und es war für mich Trost und Herausforderung zu sehen: es geht nicht nur /uns/ so, sondern allen
kirchlichen Institutionen.
Es folgten einige Krisensitzungen mit den Mitarbeitern – mit dem Ergebnis des oben Beschriebenen – naemlich gehobenes Engagement. Aber
das Problem ist: Gehaelter steigen weiter – und die im Juli 2006 von der Regierung verordnete Gehaltserhoehung haben wir nicht mitgemacht und
muessten somit noch rueckwirkend zahlen - und neue Gehaltserhoehung im Juli 2007 wartet schon. Bisher haben sich die Gesundheitsstationen ohne finanzielle Hilfe von aussen getragen – somit ist es eine neue
Situation, sich ploetzlich im Minus zu befinden. Konsequent waere es, die Gesundheitsstationen zu schliessen. Aber weil eben daran auch andere
Arbeiten geknuepft sind, waere es ein ziemlich großer Schritt, den ich noch schwierig finde…
Hm - das Wortvolumen laesst darauf schliessen, dass es ein Thema ist,
daß mich sehr beschaeftigt - aber ich hoffe, es findet sich noch irgendwie eine Loesung….
Jaa – aber genug von Finanzen - und zu Positiverem:
Am 13.03. war offizieller Start der Arbeit „Kindern in besonders schwierigen Verhaeltnissen“ in Bunda:
85 Kinder sind in dem Plan mit eingebunden: Viele Kinder, deren
(HIV-positiven) Eltern von den Gesundheitshelfern auf dem Weg zum Tod begleitet wurden. Offizieller Start war mit Besuch von Regierungsvertreter samt Bischof und Verteilung von Schuluniformen und
Heften/Stiften an die Kinder, die zur Schule gehen plus „Sonntagskleidung“ für Noch-nicht-Schulkinder.
War ein spezieller Tag und es war nett, die Freude der Kinder zu sehen.
Neben den Kindern, deren Eltern gestorben sind, gibt es auch andere Faelle: z.B. Agnes: 6 Jahre, nicht zur Schule gehend, weil die Eltern
„es nicht auf die Reihe kriegen“ mit Anmeldung und so: Ihr Vater ist ueber 80, ihre Mutter (die er nach dem Tod seiner ersten Frau geheiratet
hat) ist geistig behindert – und somit lebt Agnes in besagten besonders schwierigen Verhaeltnissen – sozusagen Vater-verschuldet – Und: stolz
berichtete er: seine Frau ist wieder schwanger - was heisst: noch ein Kind in ebendiesen Verhaeltnissen. Werde wuetend, als er mir von der
Schwangerschaft erzaehlt! – aber das versteht Agnes Vater eher weniger – ist schliesslich Grund zum Stolz-sein, noch „schwaengern“ zu koennen..
Ich hoffe, dass die Gesundheitshelfer, die „Patenschaft“ für Agnes uebernommen haben, irgendwie raten koennen – so dass es wenigstens nicht
noch ein drittes Kind „von der Sorte“ gibt… Aber na ja – trotzdem verdient Agnes Hilfe – wenn sie denn auch nicht in das „normale Schema“ passt.
Dann gab es noch ein Seminar für Pastoren und Gesundheitshelfer – wofuer wir Geld von einer christlichen Organisation bekamen. Ging um Aids
natuerlich – und war gut und herausfordernd: Herausfordernd zu sehen, dass Kirche noch viel mehr machen koennte im Engagement für Randgruppen
(Waisen, Witwen, HIV-Positive etc) und auch im Bereich „Stigmatisierung“ und Verurteilung von HIV-Positiven gibt es Herausforderungen: Immer noch
wird Aids im kirchlichen Bereich sehr stark und sofort mit Suende in Zusammenhang gebracht.
Dazu wurde ein Spiel nach der Art „alle Vogel fliegen hoch“ (hm – weiss
gar nicht ob das noch bekannt ist heutzutage ?) gemacht. Jedenfalls: wer falsch reagierte, schied aus. Dazu die Fragen nach dem Spiel: „Wie habt
ihr euch gefuehlt, wenn ihr einen Fehler gemacht habt? Habt ihr euch gefreut? Habt ihr´s absichtlich gemacht?“ Und das Ganze dann bezogen auf
Aids: Einmal Fehler gemacht – Aids bekommen: Wie fuehlt man sich dabei? – Natuerlich hinkt das Beispiel, aber es war doch eindrucksvoll und ein Weg, auf falsches Verurteilen hinzuweisen.
Dann ist da noch Joel Buyanda (von dem ich ja schon mal geschrieben hab): 17 Jahre – sieht aus wie 14 – Vater starb vor 4 Jahren – Mutter
vor einem Jahr – beide an Aids – und Joel selbst ist auch HIV-positiv.
Vor ein paar Wochen kam seine Nachbarin zu mir und sagte, Joel sei
krank. Ich fuhr gemeinsam mit 2 Gesundheitshelferinnen hin. Trafen Joel mit diversen Abszesse ĂĽber den Koerper verteilt und total abgemagert an.
Neben Medizin war es offensichtlich, dass Nahrung noetig waere. Auf die Frage, wer fuer ihn kocht, sagt er, dass seine Schwester kocht, wenn sie
nachmittags aus der Schule kommt – wenn denn was zu Essen im Haus ist. Meint: vor nachmittags gibt es nichts zu essen - und seit dem Vortag gab es eben auch nachmittags nichts, weil kein Essen da ist.
Etwas genauer nachgefragt erzaehlt Joel, sie haetten Kasava geerntet vor kurzem und somit Essen im Haus gehabt – aber dann kam eine Tante von
ihnen und sagte: Es wuerde Geld gebraucht, um das Grab der Mutter zu zementieren (eine immer gaengiger werdende Sitte hier…) – und da sie
kein Geld hatten, mussten sie eben Kasava geben – und somit haetten sie nichts mehr zu essen.
Ich merke, wie die beiden Gesundheitshelferinnen fast noch wuetender
werden als ich: da wird sich um eine Tote mehr gekuemmert als um die Lebenden – dabei wurde sich um die Tote zu /ihrer/ Lebzeit ebenso wenig gekuemmert wie jetzt um Joel.
In meinem Aerger freue ich mich ueber die 2 Frauen: dass sie anders denken als Tradition verlangt und /d a s s/ sie sich aergern. Eine von
ihnen bietet an, Joel zu sich nach Hause zu nehmen, damit er wenigstens regelmaessig was zu essen bekommt. Gute Idee – leider bis heute nicht
umgesetzt, weil die besagte Tante es ablehnte – und ohne Zustimmung der Familie zu der Idee ist es schwierig.
Somit fahren wir jetzt öfter hin – haben einen Weg gefunden, dass Joel
wenigstens zweimal am Tag zu essen bekommt – und mittlerweile geht es ihm sehr viel besser – aber trotzdem verfolgt mich sein Bild irgendwie,
weil sein „Dasein“ soviel an Problemen vereint und soviel an Ohnmacht erleben laesst.
Kaza Roho ist weiterhin ermutigend: In Musoma hat es jetzt 2 Gruppen:
Frauen etwa 40 und Maenner etwa 10 Leute. Und weiterhin bin ich dankbar fuer ihren Zusammenhalt und auch dafuer, dass „neue Maenner“ auftauchten in der Maennergruppe.
Letzte Woche war ich mit der Kaza Roho Gruppe Bunda zu einer „Dorf-Mobilisation“ in einem Nachbardorf. Meint: das Dorf wird versammelt und es gibt Chance auf Informationweitergabe.
Erst bekamen die Gesundheitshelfer etwas Zeit, ihre Arbeit vorzustellen und dann war Kaza Roho dran. War sehr interessant, die Reaktion der
Leute zu sehen: Fast alle Kaza Roho Leute sahen ziemlich gesund aus – und immer noch ist es so, dass Leute staunen, dass man eben Aids nicht
von aussen sieht, sondern jemand trotz HIV positiv immer noch gesund und gut aussehen kann. Aber es wurde auch Mut gemacht, sich testen zu lassen
– und auch, bei Krankheit nicht zu denken: „Aids ist das Ende“, sondern Hilfe zu suchen – denn fast alle Kaza Roho Leute haben die Phase von Krankheit durchgemacht.
Anna erzaehlte: sie wog 41 Kilo, bewegte sich aus Schwaeche wie eine Betrunkene, als sie sich entschied, sich testen zu lassen. Jetzt (nach
Beginn von ARV-Behandlung und NatĂĽrlicher Medizin) wiegt sie 81 Kilo und mit ihren gestylten Haaren und schicken Klamotten war es schon schwierig fĂĽr die Dorfleute zu glauben, dass sie positiv ist.
Am Ende kam vom Dorf die Frage: Was müssen wir machen, um bei uns eine Kaza Roho Gruppe zu beginnen? – Antwort: Es muss zunaechst jemanden geben, der bereit ist, offen zu sein und zu sagen: „Ich bin HIV
positiv“. Und erstaunlicherweise passierte es: Mwapili stand auf – und stellte sich als HIV-positiv vor. Mwapili ist 32 Jahre alt, ihr Mann ist
bereits gestorben. Sie kommt aus einer islamischen Familie – hatte durch Besuche von Gesundheitshelfern die Gemeinde kennengelernt, und neben
Besuchen half die Gemeinde auch materiell bzw mit Fahrgeld, so dass sie ihre Medikamente bekommen konnte - und jetzt kommt sie regelmaessig zum Gottesdienst.
Es waer nett, wenn durch sie tatsaechlich eine Kaza Roho Gruppe in dem Dorf entstehen wuerde! Es waere die erste Gruppe in „Dorfsituation“, wo
eben Stigmatisierung und Vorurteile noch sehr viel mehr verbreitet sind als in Staedten.
Jaa – Platzende… und darum schliess ich mal…
Vielleicht noch zum Thema Feleshi: Es gibt nichts Neues – er hat jetzt 6 Monate unbezahlten Urlaub – und ich hoffe, dass wir dann eine Schlussstrich ziehen koennen …
Danke weiterhin fuer alles Unterstuetzen auf diverse Weise und viele Gruesse und Gott befohlen!
/Maike/
Adresse: Maike Ettling, HUYAMU, P.O.Box 1390, Musoma, TANZANIA Mail: maike@juasun.net
Ausgesandt von: Allianz Mission BLZ: 45260475; Kto.Nr: 9110900, Vermerk: Maike Ettling
|