|
Auch sie waren einmal 'Hollener'
Es war ein glücklicher Zufall, die 'Hollener Chronik' in die Hand zu bekommen. Und gleich beim ersten Durchblättern entdeckte ich die Liste, die der damalige Lehrer Walter Reckel über besondere Neuanmeldungen von Schülern ab 1945 erstellt hatte: Es waren
Flüchtlingskinder.
Durch die dramatischen Ereignisse der letzten Kriegsmonate war eine unübersehbare Zahl gehetzter und verängstigter
Menschen - überwiegend Frauen und Kinder - aus dem Osten Deutsch-lands bis in die damalige Provinz Hannover gelangt ( 'Niedersachsen' gab es ja erst seit 1946.). Und ab Ende Februar 45 erreichte diese
Flüchtlingswelle auch Hollen, dessen Einwohnerzahl sich dadurch vorübergehend fast verdoppelte. Das Klassenfoto auf der Seite 209, vermutlich vom Frühjahr 1949, zeigt z.B. mehr Mädchen und Jungen aus dem
Osten als einheimische Kinder. Nimmt man dann noch die vielen Soldaten hinzu, die nach Kriegsende in zwei Gruppen ( Hauptmann Brandt bei Peter Stef-fens und Hauptmann Schertler im oberen Dorf ) nahezu ein Jahr lang
hier in Scheunen, Ställen und Schuppen bis zu ihrer Entlassung 'einquartiert' waren, dann kann man erahnen, in welchem Ausmaß sich das Leben und das Gesicht dieses kleinen Geestdorfes damals innerhalb kurzer Zeit
veränderte. Und alle mussten irgendwie miteinander zurechtkommen in dieser harten und entbehrungsreichen Zeit; - und mit einer völlig ungewissen Zukunft, wie man es sich heute wohl kaum noch
vorstellen kann. Das war nicht immer einfach und stieß häufig auch auf erhebliche Schwierigkeiten. Nicht alles war 'willkommen'. Aber es gelang doch überwiegend! Und Hollen leistete dazu einen großen Beitrag.
Auf der Liste stehen über hundert Namen von Schulkindern - heute mit Sicherheit nahezu alle unbekannt. Aber sie waren einmal für eine unterschiedlich lange Zeit „Hollener“. Ob jemand von ihnen geblieben ist und hier seine endgültig neue Heimat gefunden hat, ist wohl kaum noch feststell-bar. Die meisten verließen über kurz oder lang ihren rettenden Zufluchtsort wieder, um anderswo in Deutschland eine bleibende Statt zu finden, überwiegend aus beruflichen Gründen. Ihre Spuren sind nach über einem halben Jahrhundert von der Zeit wohl größtenteils ebenso verweht worden,wie auch ihre mühsamen Wege, die einst nach Hollen führten, jetzt im Dunkel des Vergessenen ruhen. Aber sie alle haben unbewusst mitgeschrieben an einem besonderen Kapitel der Hollener Geschichte.
Beim Lesen wurden die Namen wieder zu bekannten Gesichtern, und sie wurden lebendig. Aus der fernen Erinnerung hörte ich ihr
Sprechen und Lachen. Ich sah diese Jungen und Mädchen in Gedanken auf den Hollener Wegen und Wiesen laufen und spielen. Fast alle! Wir Kinder erlebten, so schien es jedenfalls, die
unmittelbare Nachkriegszeit etwas unbekümmerter als unsere Mütter, ob-wohl hinter allen die gleichen schrecklichen Erlebnisse lagen. Und jeder hätte mit beänstigenden Geschichten erzählen können, wie er letztlich
'Hollener' wurde. Heute kann ich nur noch von mir selbst berichten, aber das tue ich stellvertretend für alle, die damals in Hollen aufgenommen wurden, mit denen ich zusammen lebte, spielte und
aufgewachsen bin - und zur Schule ging.
Ich bin auf der Liste die Nummer 4 und stamme aus Ostpreußen, wie alle Kinder, die am
1. März 1945 in der Hollener Schule angemeldet wurden. Wir waren also die ersten Flüchtlinge im Ort und waren sehr wahrscheinlich, ohne es voneinander zu wissen, ab Gotenhafen gemeinsam bis in den Kreis Land
Hadeln gelangt. Dieser zweite Teil unserer Flucht war sicher weniger gefährlich, da-für aber aufgrund der langen Entbehrungen strapaziöser. In Gotenhafen hatten sich Flüchtlinge aus den verschiedensten
Richtungen zu einer großen Menschenmasse angesammelt, die täglich die not-dürftigen Baracken verließ, um im Hafen über eine Woche lang vergeblich auf ein rettendes Schiff zu warten. Informationen
über die tatsächliche und hoffnungslose Kriegslage gab es nicht. Erst Ende Februar brachte uns dann das Frachtschiff „Wischafen“ ( Bj. 1944 / 1.923 BRT) der Hamburg-Amerika-Linie aus dem
zunehmend hochbedrohten Gebiet um Danzig nach Swinemünde. Dort wartete bereits ein langer Zug mit Waggons dritter Klasse und transportierte die ganze 'Ladung' weiter nach Westen, nachdem einige Glückliche
zuvor schnell noch einen Schlag warmer Graupensuppe an einer notdürftig errichteten Verpflegungsstation erwischt hatten. Ansonsten waren Hunger und beißende Kälte unsere treuesten Reisebegleiter. Niemand kannte den
Bestimmungsort. In Rostock wollten et-liche Menschen aussteigen,um von dort aus ein selbst gewähltes Ziel zu erreichen. Meine Mutter zog es unwiderstehlich nach Prag (!). Wegen eines Bombenangriffs wurde der
Zug aber sofort nach der Ankunft wieder aus dem dunklen Bahnhofsgelände herausgezogen. Niemand durfte oder konnte aussteigen. Am folgenden Tag ging es über die Elbe. Vermutlich fuhren wir
dabei über die später zerstörte Eisenbahnbrücke bei Dömitz. Erst jetzt machte sich ganz allmählich eine tiefe Erschöpfung bemerkbar. Aber auch Erleichterung oder Enttäuschung waren zu
spüren: Einerseits, weil man sich nun vor den Russen sicher glaubte und andererseits, weil es in eine völlig 'abgelegene' und unbekannte Gegend ging. Zwischen Uelzen und Lüneburg wurde der Zug von Tieffliegern angegriffen. Später gab es in Harburg einen längeren Aufenthalt, und sofort breiteten sich wieder Unruhe, Unsicherheit und Angst aus. Gegen Abend schließlich wurde unser Zug auf die Strecke nach Cuxhaven geleitet. Auf jedem der nun folgenden Bahnhöfe wurde jeweils ein Waggon abgehängt. Uns ließ man dann in Basbeck zurück. Die Menschen taumelten z.T. völlig übermüdet aus den Abteilen und wurden auf die bereitstehenden Pferdewagen der Bauern aus den umliegenden Dörfern verteilt. Die anschließen-de Fahrt hatte ich dann vollkommen verschlafen und wachte erst wieder auf, als wir nach Mitternacht in einem spärlich beleuchteten Raum kurz registriert wurden. Es war die Hollener Schule. So kleine Schulen kannte ich noch nicht. Der letzte Kilometer unserer Reise führte dann nach Petersdorf, wohin uns die junge und freundliche Grete Söhl (Ebeling) brachte. Leider wurden wir kurz danach noch dreimal umquartiert. Aber wir waren endlich in Sicherheit. In den folgenden Tagen und Wochen kamen noch sehr viel mehr Flüchtlinge in Hollen an, nun auch aus Pommern und Schlesien, zuletzt auch jene, die sich mit ihren Trecks auf den Weg gemacht hatten. Aber viele sind niemals angekommen! Sie sind vor allem auf dem ersten Teilstück ihrer Flucht Opfer oder eingeholt geworden. Für die meisten verlief der Aufbruch hastig, panisch, chaotisch, spät – oft zu spät. Man hatte die Bevölkerung im Osten lange Zeit im Unklaren gelassen über den Ernst der Lage. Und dann versuchten alle in einem heillosen Durcheinander ihren rettenden Fluchtweg zu finden. Von den ersten Ankömmlingen in Hollen ( siehe Chronik seite 220) war z.B. die todkranke Frau Gundalin auf umständlichem Wege mit ihren fünf Kindern von der Insel Ösel ( heute estnisch:
Saameraa ) geflohen. Frau Poweleit mit drei Kindern stammte aus dem ländlichen Gebiet Ostpreußens. Und wir kamen aus Königsberg.
Königsberg war bereits Anfang September 1944 durch zwei britische Bombenangriffe in eine sterbende Ruinenstadt
verwandelt worden, in der sich gegen Ende des Jahres aber immer mehr Menschen aus dem Grenzgebiet Ostpreußens einfanden. Die näherrückende 'Rote Armee' vermutete jedoch fälschlicherweise noch eine
schwerbewaffnete Festung und setzte zu einer tödlichen Einkesselung an, während vor allem die Oststadt ab Mitte Januar durch den tagelangen Dauerbeschuss der zahlenmäßig weit überlegenen Artillerie sturmreif
geschossen wurde. Genau zu diesem Zeitpunkt be- gann der 'ostpreußische Winter' mit heftigem Schneefall und starkem Frost. Die erschreckenden Be-richte von Flüchtlingen aus den Grenzgebieten, die für einige Zeit bei
uns unterkamen, brachten mei-ne Mutter von dem festen Entschluss ab, in unserem Haus bleiben zu wollen. Der erste Fluchtversuch scheiterte jedoch: Alle Landverbindungen waren bereits
abgeschnitten, es fuhr kein Zug mehr. Und vermutlich war meine Mutter darüber nicht einmal unglücklich. Das einzige Schlupfloch war jetzt nur noch die hoffnungslos verstopfte und verschneite Chaussee zur Hafenstadt
Pillau an der Ostsee. Auf der einen Seite fuhren die allerletzten militärischen Reserven stadteinwärts, auf der anderen drängten sich die Pferdewagen der flüchtenden Landbevölkerung und die vielen bepackten
Menschen, die verzweifelt versuchten, zu Fuß bis zur Ostsee zu gelangen. Brach ein Fuhrwerk zusammen, dann drehte von der anderen Seite ein Panzer bei und schob es in die Schneewehen, es musste ja weitergehen! - Und ständig dröhnte die russische Artillerie, und Flugzeuge luden ihre Bombenlast über den Flüchtenden ab. Anfang Februar schließlich wagten wir uns auf diesen gefährlichen Weg, der gerade unter Tieffliegerbeschuss lag. Nur wenige Stunden später schloss sich hinter uns der Ring um Königsberg, und die Russen drangen in unseren Vorort Metgethen ein.Welch grauenvolle Behandlung die zurückgebliebene Bevölkerung in diesem Ortsteils nun zu erleiden hatte, ist in vielen Büchern und Berichten sehr detailliert dokumentiert worden. Die Einkesselung wurde später noch einmal aufgebrochen und die Straße nach Pillau wieder freigekämpft. Ende März brach dann alles zusammen. Wir jedoch waren knapp und glücklich der Katastrophe entkommen und befanden uns nun auf der Flucht. Die ungefähr 40 Kilometer bis nach Pillau waren bei über 20 Grad Frost eine Qual. Und im Hafen waren noch keine Schiffe angekommen. Diese beispiellose Rettungsaktion über die Ostsee lief
erst langsam an. Drei Tage lang mussten wir fast ohne Verpflegung in ungeheizten und überfüllten Räumen warten, bis schließlich im Morgengrauen ein Geleitzug von
sieben sehr unterschiedlichen Schiffen an den Kaianlagen festmachte. Das Gedränge war unbeschreiblich. Alles Gepäck, Männer und alte Leute mussten zurückbleiben. Es spielten sich
unvorstellbare und ergreifende Szenen ab. Direkt vor uns stürzte sich ein alter Mann verzweifelt ins eisige Wasser. Wir gelangten auf den erbärmlichsten Kahn, den Kohlenfrachter „Preußisch Holland“ ( Bj.
1908 / 1.978 BRT ) der Seeberg-Schifffahrts-gesellschaft Stettin. Warum die Fahrt nach Gotenhafen, für die ein normales Schiff knapp sechs Stun-den brauchte, drei Tage und Nächte dauerte, ist nie geklärt
worden. Es wucherten Gerüchte. Besonders deutlich in Erinnerung geblieben sind mir von dieser Fahrt noch die folgenden Einzelheiten: In die Dunkelheit des vollgepferchten Laderaums schrie eine Frau: „Das
Schiff sinkt!“ Sie hatte völlig die Nerven verloren. Natürlich entstand Panik. - Bei Tageslicht überflog ein russisches Flugzeug unser Schiff und versuchte, seine Bomben ins Ziel zu bringen. Man
konnte sehr gut erkennen, wie sich die Luken öffneten. Es war ein äußerst unbequemer Anblick! Zum Glück jedoch klatschten die Bomben ins Wasser. - Gelegentlich wurde von der Besatzung bei
Dunkelheit etwas Verhülltes über Bord geworfen. Es wurde gemunkelt, es hätte sich dabei um die Gestorbenen des letzten Tages ge-handelt. - Schließlich fuhren wir an gesunkenen Schiffen vorbei, von denen nur
noch die Masten oder das Heck aus dem Wasser ragten. Einige an Bord waren sich sicher, dass zumindest eines davon zu unserem Geleitzug gehört hätte, der sich im übrigen als Verband sehr schnell aufgelöst
hatte. Unser Kahn konnte wohl nicht folgen. Die anderen Schiffe waren gleich weiter nach Westen gefahren.
In Gotenhafen hatten wir wieder festen Boden unter den Füßen und glaubten uns in Sicherheit. Aber wir waren erneut in einen Kessel
geraten. Die russische Armee hatte das Danziger Gebiet abgeschnitten und weiträumig 'rechts liegen gelassen'. Während sich in der Folgezeit die Stadt weiter mit Flüchtlingen aus dem Osten füllte, warteten alle
ungeduldig auf ein Schiff nach Westen. Als wir dann endlich wieder auf See waren, ahnten wir zum Glück nicht, dass wir auf Höhe von Stolpmünde die gefährlichste Stelle passierten: Hier wurden u.a. die „Wilhelm
Gustloff“ mit 5384 Toten ( Siehe dazu Günter Grass: „Im Krebsgang“ ), die „Steuben“ ( 3608 Tote ) die „Goya“ ( 6666 Tote) und die „Cap Arcona“ ( 5594 Tote ) torpediert und versenkt. Wir aber
erreichten weitgehend unbeschadet den nächsten Hafen, einen Zug, das Land westlich der Elbe und schließlich das kleine Hollen.
Alle hätten eine ähnliche Geschichte erzählen können! - Aber dann erlebten wir im Mai 45 nahezu friedlich bei Sonnenschein das
Kriegsende, völlig unspektakulär. Und hier in Hollen begann auch für fast alle Kinder jener Liste ganz langsam wieder eine hellere Zukunft in der neuen Heimat. - Von den Erwachsenen aber hat wohl so manch einer seine Seele in der alten Heimat zurückgelassen.
Wie sich dann das Zusammenleben kurz nach Kriegsende in Hollen gestaltete, das wäre ein anderes Kapitel. Aber das ist
schon sehr lange her. Jedoch, einen kleinen Platz als Erinnerung hätte diese kurze Epoche im Nachtrag zu der Chronik noch verdient.
|